Ernst Ludwig Kirchner
LebensSTATIONEN

06.05. – 22.07.2018

Die dokumentarische Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner– LebensSTATIONEN” im Geburtshaus des Künstlers stellt wichtige Lebensräume, Schaffensphasen und Schlüsselwerke vor. Sie zeigt Bezüge zur Zeitgeschichte auf und beleuchtet psychoanalytische Aspekte. Den Kindheitserlebnissen in Aschaffenburg misst Ernst Ludwig Kirchner besondere Bedeutung für seine Persönlichkeitsentwicklung und sein künstlerisches Werk bei:

Die Ausstellung führt in einem Rundgang zu den wichtigen LebensSTATIONEN Kirchners: Aschaffenburg, Dresden, Berlin, Fehmarn und Davos, sowie in die Ateliers des Künstlers. Eine Zäsur in seinem Leben bildet der Erste Weltkrieg, dem Sanatoriumsaufenthalte folgen und ihn nach Davos führen. Den großformatigen Abbildungen der Schlüsselwerke mit Zitaten Ernst Ludwig Kirchner sind Informationen zur Zeitgeschichte und zur Biografie zugeordnet.

Ein Audio Guide führt durch die Ausstellung und akustisch in die LebensRÄUME Kirchners. An audio-taktilen Stationen mit tastbaren Objekten und Holzschnittmotiven wird der Stilwandel im Oeuvre Kirchners für sehende und blinde Menschen greifbar. An interaktiven Stationen sind Animationen von Kirchners Struwwelpeter und Umbra vitae zu erleben.

Geburtsort
ASCHAFFENBURG

„Noch heute sehe ich [mich] am Hof meines Geburtshauses … und den Garten mit Laub und Büschen. Ich will versuchen es zu zeichnen.” E.L. Kirchner , 1919

In seinen Skizzenbüchern und Briefen berichtet Ernst Ludwig Kirchner später von seinen Kindheitserinnerungen: „Als Junge saß ich immer am Fenster und zeichnete, was ich sah; Frauen mit Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge, etc., etc.” Als Erwachsener fertigt Kirchner Holzschnitte nach seinen Kinderzeichnungen an. In der Ausstellung können sehende und blinde Besucher mehrere Kirchner-Holzschnitte an audiotaktilen Stationen ertasten.
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E.L. Kirchner, Eisenbahn Holzschnit nach einer Kinderzeichnung
© Sammlung E.W. Kornfeld, Bern-Davos
Hintergrundbild: Ernst Ludwig Kirchner, um 1887, Kgl. Hoffotograf Arthur Synnberg, Luzer

Entfaltungsraum
DRESDEN

„Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.”
BRÜCKE-Manifest, 1905

1901 beginnt Kirchner ein Architekturstudium in Dresden, das er im Juli 1905 abschließt. Im selben Jahr gründet er mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff die Künstlergruppe BRÜCKE. In kollektiver Arbeit im Atelier oder an den Moritzburger Seen entwickeln sie den expressionistischen BRÜCKE-Stil und führen den Holzschnitt zu einer neuen Blüte. Im KirchnerHAUS werden regelmäßig Werke der BRÜCKE in Sonderausstellungen vorgestellt.
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E.L. Kirchner, Mit Schilf werfende Badende Farbholzschnitt, 1910 (Ausschnitt)
© bpk images | Hamburger Kunsthalle | Elke Walford
Hintergrundbild: E.L. Kirchner, in Chemnitz, 1904, © Fotoarchiv Hans Bollinger und Roman Norbert Ketterer

Freiraum
ATELIER

„Diese Räume waren phantastisch ausgestattet mit bunten Stoffen, die er selbst in Batiktechnik gemustert hatte, mit allerlei exotischem Gerät und mit Holzschnitzereien seiner eigenen Hand: eine primitive, aus der Not geborene, aber doch von stark ausgeprägtem eigenem Geschmack getragene Umgebung“ Gustav Schiefler

Kirchners Ateliers in Dresden oder Berlin sind für ihn Arbeits- und Lebensraum zugleich. Hier entstehen in schneller Folge die berühmten 15-Minuten-Akte. In Berlin lebt er mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling im Stil eines Bohemien. Das „Zelt“, die Auskleidung eines Erkers mit erotischen Batikarbeiten, ist der Höhepunkt dieses expressionistischen Gesamtkunstwerks. Sein Atelier dient als „Bühne“ inszenierter Auftritte für sich selbst und seine Besucher die er dort fotografiert.
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E.L. Kirchner in Kirchners Atelier in Berlin Foto, um 1912 (Ausschnitt)
Hintergrundbild: E.L. Kirchner, Weiblicher Akt mit Hut, 1911 (Ausschnitt), Museum-Ludwig, Köln, Foto: © Rheinisches Bildarchiv

Stadtraum
BERLIN

„Kirchner fand, dass das Gefühl, was über einer Stadt liegt sich darstellt in der Art von Kraftlinien.“ E.L. Kirchner, „Davoser Tagebuch”

Nach wenig erfolgreichen Ausstellungen in Dresden folgt Kirchner im Oktober 1911 Max Pechstein nach Berlin. Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff folgen ihnen. In Berlin erlebt die Künstlergruppe ihren kommerziellen Durchbruch und wird in vielen Städten ausgestellt. Als Kirchner sich in einer Chronik der BRÜCKE überhöht darstellt, stößt er seine Kollegen vor den Kopf und im Mai 1913 löst sich die Künstlergruppe auf. Die „Berliner Straßenszenen” gelten heute als das Hauptwerk Ernst Ludwig Kirchners.

Ernst Ludwig Kirchner, Frauen auf der Straße Öl auf Leinwand, 1915 (Ausschnitt)
Bild links und Hintergrundbild: © Von der Heydt-Museum, Wuppertal

Südseeparadies
FEHMARN

„Lieber Herr Direktor, (…) nach 5-jähriger Pause (war ich) wieder in Fehmarn. (…) der ganz starke Eindruck des ersten Dortseins hat sich vertieft und (ich) habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife.”
E.L. Kirchner, 1912

Auf der Ostseeinsel Fehmarn findet Ernst Ludwig Kirchner sein „Südseeparadies”, als Gegenpol zur hektischen Metropole Berlin.
In einem Schaffensrausch entstehen dort 530 Zeichnungen, Aquarelle und 120 Gemälde. Aus Strandgut schnitzt Kirchner Skulpturen und einen Einbaum.
Auf Fehmarn kann Kirchner sein Ideal des freien, ungezwungenen Menschen im Einklang mit der Natur in der Kunst und im Leben verwirklichen.


Ernst Ludwig Kirchner, Badende am Strand (Fehmarn)Öl auf Leinwand, 1913 (Ausschnitt)
Bild links und Hintergrundbild: © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Kriegs-
SCHAUPLATZ

„Ich bin momentan vom Militär entlassen und will ein Sanatorium aufsuchen, um mich zu regenerieren. Ich fühle mich halbtot von geistigen und körperlichen Qualen. Dabei hat man die Aussicht, bald wieder eingezogen zu werden. Arbeiten kann ich jetzt nur nachts.”
E.L. Kirchner, 7. Dezember 1915
Auf Fehmarn erreicht Kirchner die Nachricht von der Generalmobilmachung. Er meldet sich „unfreiwillig freiwillig” und wird 1915 als Rekrut einberufen. Dem strengen Drill in der Grundausbildung in Halle ist er jedoch nicht gewachsen und erleidet einen physischen und psychischen Zusammenbruch.
In dem erschütternden Gemälde Selbstbildnis als Soldat von 1915 stellt sich Ernst Ludwig Kirchner in Uniform mit abgeschnittener rechter Hand dar.


E.L. Kirchner, Selbstbildnis als Soldat, 1915 (Ausschnitt)
© Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, Ohio
Hintergrundbild: E.L. Kirchner, Selbstporträt im Atelier Berlin-Friedenau, Körnerstr. 45, Fotografie (Vintage print, Ausschnitt), 1915, © Kirchner-Museum, Davose

Rückzugsort
DAVOS

„Verzeihen Sie, daß ich so lange nichts von mir hören ließ, aber die schreckliche Krankheit, die mich ergriffen hat, verhinderte mich daran. Ich bin vollständig unfähig, infolge Lähmung meiner Hände und Füße, selbst irgend etwas zu tun. Dabei sehe ich soviel Interessantes und tausend Bilder, die ich malen könnte und doch nicht kann, und das macht mich sehr unglücklich…” E.L. Kirchner, 1917

Kirchner beginnt sich zu erholen und lebt und arbeitet auf der Stafelalp, im Wildbodenhaus oder dem Haus in den Lärchen bei Davos. Szenen der Bergwelt und des bäuerlichen Lebens werden seine Themen und er entwickelt seinen monumentalen „Davoser Stil”.
Es entstehen die Illustrationen zur Gedichtsammlung Umbra vitae von Georg Heim, einem Meisterwerk der expressionistischen Buchkunst das in der Ausstellung vorgestellt wird.


Ernst Ludwig Kirchner, Stafelalp im Nebel Öl auf Leinwand, 1918 (Ausschnitt)
© Museen der Stadt Aschaffenburg
Hintergrundbild: E.L. Kirchner, Stafelalp, um 1919, © Kirchner Museum Davos

Schicksalsort
ATELIER

„…hier hat sich in aller Stille seit Monaten eine Tragödie vollzogen. Die Diffamierung in Deutschland (…) hat ihn (…) dazu gebracht, seinem Leben selbst ein Ziel zu setzen. Erlassen Sie mir Einzelheiten.”
Erna Schilling an Carl Hagemann, 1938

Durch die Weltwirtschaftskrise erlahmen die Kunstverkäufe. Psychische und körperliche Krankheit lassen ihn wieder zu Opiaten greifen. 1937 erfolgt Kirchners Ausschluss aus der Akademie der Künste und 639 Arbeiten werden von den Nationalsozialisten aus deutschen Museen entfernt. 32 davon werden in der Feme-Ausstellung Entartete Kunst in München gezeigt. In tiefer Verzweiflung wählt Kirchner den Ausweg in den Tod und erschießt sich am 15. Juni 1938.

Ausstellung Entartete Kunst München 1937 (Ausschnitt)
© Reproduktion Postkarte, 1937, bpk Images
Hintergrundbild: E.L. Kirchner, Stafelalp, um 1919,© Kirchner Museum Davos

ASCHAFFENBURG

DRESDEN

BERLIN

ATELIER

FEHMARN

KRIEG

DAVOS

Eintritt

5,00 €, ermäßigt: 3,00 € (Für Schüler ab 16 Jahren und Studenten mit Ausweis sowie Menschen mit Behinderung)
Freier Eintritt: Mitglieder des KirchnerHAUS-Vereins, Schüler bis 15 Jahre und Schulklassen

Geöffnet

Mo. geschlossen
Di. 16:00 – 19:00 Uhr
Mi. – Sa. 14:00 Uhr – 17:00 Uhr
So. 11:00 Uhr – 17:00 Uhr

Führungsgebühr

4,50 € + 5,00 € Eintritt
Für Mitglieder: Eintritt und Führungsgebühr frei

Sonderführungen: info@kirchnerhaus-aschaffenburg.de

Der KirchnerHAUS  Aschaffenburg e.V dankt für die großzügige Förderung durch:

  • Bayerische Sparkassenstiftung
  • Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern
  • Unterfränkische Kulturstiftung – Bezirk Unterfranken
  • private Förderer

 

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